Der Reichtum des Öcher Platt offenbart sich auch in der Vielfalt der FORMENLEHRE. So scheint auf den ersten Blick die Menge der verschiedenen Verbformen unübersehbar und verwirrend. Die unfreundliche Bezeichnung „unregelmäßige Verben”, Albtraum aller Schüler, ist schnell bei der Hand. Im Hochdeutschen sprechen wir von „starken” Verben, deren jeweiliges Gesicht durch die sogenannte Ablautreihe (Infinitiv, Präteritum, Partizip II) charakte-risiert wird:

schwimmen – schwamm – geschwommen,

im Gegensatz zum „schwachen” Verb:

spielen – spielte – gespielt,

das keinen Vokalwechsel kennt, dafür aber die typischen Endungen „-te” bzw. „-t”.

Es werden sieben bis zehn Klassen unterschieden, wobei z. B. „schlafen”, „rufen” und „stoßen” in eine gemeinsame Klasse gehören.

Im Öcher Platt ist bei näherem Hinsehen eine etwa gleichgroße Struktur auszumachen, wenn man vor allem verwandte Diphthonge beisammen lässt, die sich infolge der Tendenz zu einer breiten Lautpalette nebeneinander ausgebildet haben. Ich schlage vor, neun Grundtypen zu unterscheiden, die in den folgenden Verben repräsentiet werden:

I. lijje – loeg – jeläje (liegen – lag – gelegen)
II. befeähle – befoehl – befoehle (befehlen ...)
III. drenke – dronk – jedronke (trinken ...)
IV. jriife – jreff – jejrejfe (greifen ...)
V. schrive – schreäv – jeschreäve (schreiben ...)
VI. schloffe – schlejf – jeschloffe (schlafen ...)
VII. flüjje – floeg – jefloege (fliegen ...)
VIII. hevve – hoev – jehoeve (heben ...)
IX. drage – drueg – jedrage. (tragen ...)

Vermeintlich kommt es nun bei diesem System zu zahllosen Abweichungen, die sich aber m. E. gut vereinbaren lassen, wenn die bekannte Toleranz der Öcher Sproech zugestanden wird.

So ist der Wechsel von „j” und „g” im Falle „lijje” (I) und „flüjje” (VII) mit der engen Verwandtschaft dieser Konsonanten und den notwendigen Kompromissen, die durch eine geregelte Schreibung entstehen, erklärt.

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In die Klasse I („lijje – loeg – jeläje”) können als ähnliche Verben gerechnet werden:

siieh – soech – jesiieh (sehen ...)
jevve – joev – jejevve (geben ...)
setze – soeß – jesejße (sitzen ...)

Sieht man von den benachbarten Konsonanten h/ch und tz/ß ab (die sich sprachgeschichtlich erklären lassen), so ist die Form des Präteritums der des Exempels „lijje” gleich. Beim Partizip II scheinen völlig unterschiedliche Formen vorzuliegen. Ein Sprechversuch zeigt aber, dass sie sich von einem „eä” gar nicht weit entfernt haben.

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Der Klasse II („befeähle – befoehl – befoehle”) können zugeordnet werden:

sprejche – sproech – jesprouche (sprechen ...)
brejche – broech – jebrouche (brechen ...)
stejche – stoech/stuech – jestouche (stechen ...)
treffe – troef – jetroffe (treffen ...)
nemme – noehm – jenomme (nehmen ...)
komme – koem – jekomme (kommen ...) .

Zu den Eigentümlichkeiten in unserer Mundart gehört, dass durch-aus mehrere parallele Formen möglich sind. So gibt es

neben „befoehl” auch „befuehl

und

neben „sproech” auch „spruech”.

Folglich darf auch

steähle – stuehl – jestoehle (stehlen …)

zur Klasse II gerechnet werden, obwohl hier nur diese eine Form des Präteritums belegt ist. Weiterhin gibt es

neben „troef” auch „trejf”.

Im Hochdeutschen wird er bekanntlich, sofern möglich, durch Umlaut des Präteritums gebildet:

Indikativ – Konjunktiv II
ich gab – ich gäbe
ich war – ich wäre
ich wurde – ich würde

Unsere Mundart bevorzugt geradezu regelmäßig zur Bildung des Konjunktiv II (Irrealis) eine Nebenform:

ich joev (ich gab) – ich jüev (ich gäbe) [seltener: ich jöev]ich wor (ich war) – ich wür (ich wäre) [seltener: ich wör]ich hau (ich hatte) – ich hai (ich hätte) [seltener: ich häu]ich koem (ich kam) – ich küem (ich käme) [seltener: ich köem]ich noehm (ich nahm) – ich nüehm (ich nähme) [seltener: ich nöehm]

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Zu Klasse III („drenke – dronk – jedronke”), die der zweiten nahe steht, zählen u. a.:

helpe – holp – jeholpe (helfen, half, geholfen) (Aussprache)
sterve – storv – jestorve (sterben …) (Aussprache)
werpe – worp – jeworpe (werfen …) (Aussprache)
trecke – trock – jetrocke (ziehen …) (Aussprache)
schelde – scholt – jescholde (schimpfen …) (Aussprache)
spenne – sponn – jesponne (spinnen …) (Aussprache)
benge – bong – jebonge (binden …) (Aussprache)
klenge – klong – jeklonge (klingen …) (Aussprache)
schlenge – schlong – jeschlonge (schlingen …) (Aussprache)
senge – song – jesonge (singen …) (Aussprache)
sprenge – sprong – jespronge (springen …) (Aussprache)
senke – sonk – jesonke (sinken …) (Aussprache)
stenke – stonk – jestonke (stinken …) (Aussprache)

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Zu Klasse IV („jriife – jreff – jejrejfe”) (Aussprache) zählen u.a.:

biiße – bess – jebejße (beißen …) (Aussprache),

ebenso „riiße” (reißen), „striiche” (streichen) und mit Verkürzung am Ende:

rijje – reä – jereä (reiten …).

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Noch zwei weitere Erscheinungen erweitern die Möglichkeiten des Aachener Sprechers. Zum einen existiert häufig neben der starken Präteritum-Form auch eine schwache. So steht

„befoehl” (I) neben „befeählet”
„jreff” (IV) neben „jriifet”
„bess” (IV) neben „biißet”
„broech” (II) neben „brejchet” usf.

Eine umfassende Liste gibt Leonard Kellers früher Versuch (Quelle 28).

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In der Klasse V („schrive – schreäv – jeschreäve), zu der auch

drive – dreäv – jedreäve (treiben …)
schwijje – schweäg – jeschwäje (schweigen …)
prise – preäs/priset – jepreäse (preisen …)

und leicht abweichend

heäsche – hejjsch – jeheäsche (heißen …)

gehören, findet sich danach

neben „schreäv” auch „schrivet” (schrieb)

sowie

schinge – scheän/schinget – jescheäne (scheinen …).

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Zur Klasse VI („schloffe – schlejf – jeschloffe”) zählen

roffe – rejjf – jeroffe (rufen …) (Aussprache)
falle – fejjl – jefalle (fallen …) (Aussprache)
haue – hejjl/hiiel – jehaue (halten …) (Aussprache)
losse – lejjß – jelosse (lassen …) (Aussprache)
loufe – lejjf – jeloufe (laufen …) (Aussprache)

außerdem

schlejjf” (schlief) neben „schloffet”, bei „broene” (braten) nur „broenet”, bei „bloese” (blasen) nur „bloeset”, bei „fange” (fangen) nur „fanget”, also scheinbar einfache schwache Verben (aber das Partizip II belehrt eines Besseren), dagegen bei „stösse” (stoßen) gleich drei Präteritumformen:

stejjß”, „stoeß” und „stösset”.

Als Konjunktiv II wäre wohl noch ein Viertes vorauszusetzen:

Däm stüeß ich jeär ens de Trapp erav.Den stieße ich gern die Treppe hinunter.

Die andere wesentliche Abweichung ist der häufige Fortfall der Vorsilbe „je-” im Partizip II, der unabhängig von einer bestimmten Klasse begegnet. Ich nenne:

krijje – kroeg/kreäg – kräje (I) (kriegen …) (Aussprache)
ejße – oeß – jejße (I) (essen …) (Aussprache)
frejße – froeß – frejße (I) (fressen …) (Aussprache)
weäde – wooed – wooede (II) (werden …) (Aussprache)
komme – koem – komme (II) (kommen …) (Aussprache)
fenge – fong – fonge (III) (finden …) (Aussprache)
blive – bleäv/blejjv – bleäve (bleiben …) (Aussprache)
brenge – braht – braht (bringen …) (Aussprache)

(und Komposita: „aabrenge, aabraht” etc.).

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Mit Berücksichtigung der schon bekannten Abweichungen lassen sich endlich der Klasse VII („flüjje – floeg – jefloege”) zurechnen:

bejje – boe – jeboe (bieten …) (Aussprache)
rüüche – roch/rüüchet – jerouche (riechen …) (Aussprache)
kruufe – krof/kruufet – jekroufe (kriechen …) (Aussprache)
schesse – schoss – jeschouße (schießen …) (Aussprache)
schlesse – schloss – jeschlouße (schließen …) (Aussprache)
suufe – soff – jesoufe (saufen …) (Aussprache)
lüjje – lüjjet – jeloege (lügen …) (Aussprache)
früse – früset – jefrore (frieren …) (Aussprache)
verlüse – verlor – verlore (verlieren …) (Aussprache) .

(Der Wechsel von „s” und „r” bei den beiden letzten Beispielen wird seit Jacob Grimm als „grammatischer Wechsel” bezeichnet).

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Zur Klasse VIII („hevve – hoev – jehoeve”) zählt:

drejsche – drosch – jedrousche (dreschen …) (Aussprache)

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Und zur Klasse IX („drage – drueg – jedrage”) gehören:

fahre – fuhr – jefahre (fahren …) (Aussprache)
hange – hong – jehange (hängen …) (Aussprache)
schlooe – schlueg/schloeg – jeschlage (schlagen …) (Aussprache)
stooeh – stong – jestange (stehen …) (Aussprache)
wäjsche – wuesch/wejsch/wäjschet – jewäjsche (waschen …) (Aussprache).

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Noch einmal sei betont, dass der Unterschied in der Lautpalette o/oe/ou nicht die Zuordnung zu getrennten Klassen rechtfertigen sollte.

Ein auch im Hochdeutschen bekannter Sonderfall findet sich beim Verb

brenge – braht – braht (bringen …).

Dies ist, wie die Endung des Partizip II „-t” zeigt (Quelle 29), ein schwaches Verb. Zusätzlich tritt ein Vokalwechsel auf, der aber nicht als für die starken Verben typischer Ablaut zu verstehen ist, sondern schon von Jacob Grimm als „Rückumlaut” bezeichnet wurde. Zudem fällt bei diesem Verb noch die Partizip-II-Vorsilbe „-je” fort.

Weiteres Beispiel:

brenne (brennen …)
– brant [neben: brennet/brankt]– jebrant/jebrankt

Abschließend ist die bedeutende Gruppe derjenigen Verben zu nennen, die im Hochdeutschen stark (geblieben), im Öcher Platt jedoch ganz, wie Jardon sich ausdrückt, in die schwache Konjugation „übergetreten” sind (Quelle 30).

Angeführt seien:

bedde – beddet – jebedt (bitten …) (Aussprache)
verschrecke – verschrecket – verschreckt (erschrecken …) (Aussprache)
weäve – weävet – jeweävt (weben …) (Aussprache)
fliiehte – fliiehtet – jefliieht (flechten …) (Aussprache)
baschte – baschtet – jebascht (bersten …) (Aussprache)

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Viel häufiger ist eine schwache Form im Perfekt, verbunden mit einer starken Form des Partizip II.

kniipe – kniipet – jeknejpe (kneifen …)

Es ist mit dieser Einteilung keine vollständige Wortliste beabsichtigt. Auch weicht der Vorschlag teilweise vom altdeutschen System ab. Doch vielleicht trägt er der Tatsache ein wenig Rechnung, dass die Wörter weiter wachsen, sich weder von der Abkunft noch von einem System zwingen lassen und daher häufig – wie die Menschen – an andere hängen, mit denen sie bisher nicht verwandt waren.